Subjektive Wahrnehmung

Februar 26, 2010 Arne Ahlreip No Comments

Wahrnehmung ist ein kognitiver Prozess der für die Aufnahme, Organisation, Interpretation von Reizen und Bewertung von Informationen verantwortlich ist. Einerseits wirken Reize von Außen auf die Sinnesorgane (Selektion), andererseits stellen wir eine Verbindung der Sinneskonfiguration mit Erfahrungen und Motiven her (Subjektiv).


Diese Reize wirken über die physiologischen Sinne, die das Individuum erst kategorisch selektiert und dann durch Erfahrungen und Motive verarbeitet. Das Gehirn funktioniert hier wie eine Steuer-Regel-Anlage (CanBus) im Auto nach den Prinzipien der Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe.

Das Bewusstsein beschränkt sich dabei auf max. 7 simultane Inhalte. Vier Inhalte können wir im Zusammenhang darstellen oder auf sinnvolle Abfolge verarbeiten. Zu beobachten ist hier der Primacy-Recency-Effekt. Der PRE bewirkt das die ersten und letzten Inhalte in einer Reizkette akzentuiert wahrgenommen werden.

Was wir wahrnehmen gleicht eher einer Gestalt. Einer Reizkonfiguration die als zusammengehörig und von der Umgebung abgehoben empfunden wird. Dabei gilt der Grundsatz der Aufwandsreduktion, denn um Kapazitäten zu sparen und/oder um eine Habituierung des Reizes zu bewirken, vereinfacht das Individuum den zu speichernden Teil.

Was wir also als Reizkonfiguration wahrnehmen, z.B. hellgelbe sonnige Lichtverhältnisse, unberührte Landschaft, blumiger Duft, süßlicher Geschmack der Luft, angenehme Außentemperatur, der Lage „Liegend“ und das Fehlen störender Geräuschquellen könnten wir als angenehm empfinden. Gespeichert wird diese Konfiguration jedoch als Gefühl, als visuelle Erinnerungsdatei und als Positiv oder Negativ gespeichert und so jederzeit zur Wiedererkennung bereitgestellt und ständig verfügbar gemacht.

Die Gestaltspsychologie hat sich mit der Verarbeitung und Bewertung von Reizen eingehend beschäftigt und liefert dazu ein einfaches Regelwerk:

Wir kategorisieren Reize nach Gesetzen der Nähe, Ähnlichkeit, Erfahrung, Größe und Bedeutung, des übereinstimmenden Verhaltens, der Prägnanz und Ästhetik.

Gründe für einen Bruch dieser Regeln sind z.B. gestaltisch-kommunikative Bedürfnislosigkeit, fehlende Perspektiveübernahme, notwendige Kompromisse und verdeckten Absichten bzw. dem bewussten oder sinnvollen Regelbruch.

Wenn der Reiz kategorisiert wurde, beginnt das Bewusstsein diesen Reiz zu bewerten. Dabei ist das Bewusstsein immer subjektiv – also voreingenommen. Die Bewertungen finden nach physiologischen Voraussetzungen, emotionaler Gestimmtheit, Einstellungen und Motive und Erwartungen und sozialen Einfluss (Suggestibilität) statt. Dazu bedienen wir uns eines Überstrahlungs- oder Halo-Effektes, des ersten Eindrucks und Stereotypen / Vorurteile um diesen Prozess zu vereinfachen.

Als Ergebnis erhalten wir eine kategorisierte und komprimierte Sammlung von Reizen die wir zum Automatisieren des Überlebens benötigen und welche ständig ergänzt, reflektiert und umbewertet wird.

Das Regelwerk des Individuums ist so einmalig. Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen.

Es gibt jedoch zwei Einflussmöglichkeiten: Zum Einen ermöglicht die Reflektion das erneute Bewerten bestimmter Reize zum Anderen ermöglicht die Kommunikation das bewusste beeinflussen Anderer. Kommunikation fungiert hier als Plattform der Wertevermittlung. Einerseits können hier Reize mit Begrifflichkeiten verknüpft werden, zum anderen können auch gezielt Gruppen mit Ähnlichkeiten in der Reizbewertung angesprochen werden, um evtl. einen Mangel zu erzeugen. Wie es nun schon seit hunderten von Jahren durch Werbung geschieht.

Wenn die subjektive Wahrnehmung kommuniziert wird, könnten Verständnisschwierigkeiten, -schwächen oder -störungen entstehen. Das Vier-Ohren-Modell möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen und konkret auf ein Beispiel eingehen:

Zwei Personen sitzen im Park und die Sonne geht allmählich unter. Person1 schaut zufrieden und glücklich anmutend in Richtung eines Baumes dessen Oberflächenstruktur und Farben durch ein kräftiges Schwarz geschluckt wurden und dessen filigrane Blattlose Pracht die durchscheinende untergehende Sonne anmutig in ein Perpeto Mobile einbezieht.

Person1 sagt schließlich: „Schön hier!“

Person2 ist von diesem Arbeitstag völlig erschöpft, er trägt die falsche Kleidung um in den späten Abendstunden draußen auf einer Wiese herumzuliegen. Er bemerkt nun schon die vierte Mücke innerhalb der vergangenen 10 Minuten auf seinem Arm.

Person2 antwortet: „Findest du? Lass uns mal wieder nach Hause!“

Klar können wir nach Schultz von Thun hier eine Analyse anwenden und so allerhand feststellen und interpretieren, wir könnten aber auch versuchen zu erkennen, dass das Urteil bzw. die Aussage über die Situation der Person1 in keinem Verhältnis zu der Bezugsgröße steht und damit nicht als Schön allein benannt werden dürfte. Diese Form einer wertenden Aussage kann nicht von allgemeiner Gültigkeit sein, da doch die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung bereits erklärt wurde. Erwartet Person1 tatsächlich eine wahrheitsgemäße Reaktion von Person2 auf diese Aussage und wenn ja warum? Hat Person1 auto-aggressive Tendenzen und muss sich eigenverschuldet diesen schönen Moment zerstören und worin liegt dies begründet? Gemeinschaftsgefühl, Egozentrik, Unbehagen vor der Stille oder in der Abfrage des Status der Person2?

Ich möchte nun kurz die Ähnlichkeiten in der Reizbewertung als kollektive Psyche ansprechen und auf den symbolischen Interaktionismus eingehen.

Der symbolische Interaktionismus ist eine soziologische Theorie aus der Mikrosoziologie, die sich mit der Interaktion zwischen Personen beschäftigt. Diese Handlungstheorie basiert auf dem Grundgedanken, dass die Bedeutung von sozialen Objekten, Situationen und Beziehungen im symbolisch vermittelten Prozess der Interaktion/Kommunikation hervorgebracht wird. Soweit auf der Ebene des Individuums. Es gibt jedoch auch Berufsgruppen und damit Personen die diese Bedeutungen oder Bewertungen von Reizen bewusst streuen und so tiefenpsychologische Vorgänge durch eine Wort oder Bildmarke beim Individuum auslösen.

Es ist also wenigen möglich, viele in Ihrer Bewertung zu manipulieren und so auf ein Ziel gleichzurichten.

Ein Begriff der diese Fähigkeit beschreibt jedoch in der Geschichte eher Negativ aufgefallen ist ist die „Propaganda“!

Propaganda bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion. Der Begriff „Propaganda“ wird vor allem in politischen Zusammenhängen benutzt; in wirtschaftlichen spricht man eher von „Werbung“, in religiösen von „Missionierung“.“ sagt Wikipedia.

Wenn jedoch jedes Individuum Summe seiner Erfahrungen ist und generell subjektiv beurteilt und/oder unterbewusst bzw. vorbewusst über eine Steuereinheit verfügt die stetig wächst und dazulernt, wie ist es hier möglich eine Kommunikation mit der Masse zu ermöglichen ohne auf Wertungen zu verzichten. Beziehungsweise bewusst Werte an diese zu vermitteln.

C.G. Jung spricht hier von dem kollektiv Unbewussten und der objektiven Psyche. Sie hat wenig mit einer persönlichen (neurotischen) Problematik zu tun, sondern enthält die der Menschheit bis jetzt unbewussten (in der Sprache Jungs: die „vorbewussten“) Ideen, die sich in symbolischen Bildern ausdrücken und vor allem in kreativen Individuen erscheinen, die vor der Aufgabe stehen, bei der Formulierung des heute konstellierten Paradigmenwechsels (Thomas Kuhn) mitzuarbeiten.

Bestehen die Werte und Normen jeglichen gesellschaftlichen Lebens also lediglich auf vererbten und kommunizierten Regeln die zuvor propagiert wurden und zu einem symbolischen Interaktionismus führten? Ja – so ist es. Gesellschaftlicher Wandel, Sozialisation, Traditionen und Religionen finden Ihren Ursprung in der Vermittlung einer vermeintlichen Tatsache. Obwohl doch jedes Individuum zur Subjektivität neigt.

Es ist also schon eine Ironie, dass die Möglichkeit welche uns den freien Willen und die Entscheidungsfreiheit schenkt, für das Kollektiv gegen den freien Willen und die Entscheidungsfreiheit agiert.

Verständlich, dass immer wieder Wenige die Nonkonformität anstreben.

Sie reflektieren ihre Reiz-Regelwerk und Automatismenbibliothek bis zur Nichtübereinstimmung der individuellen Haltung mit den allgemein anerkannten Ansichten, der gültigen Etikette, dem vorherrschenden Lebensstil oder dem kulturellen Mainstream.

Damit sind diese Exzentriker zwar einerseits paranoid genug um gesellschaftliche Werte in Frage zu stellen und Traditionen zu brechen, andererseits reflektiert genug um Ihrer Zeit ein Stück weit voraus zu sein und kollidieren ständig mit den Institutionen der Gegenwart. Wer die objektive Psyche in Frage stellt, oder lenken kann oder zumindest verstanden hat, wechselt seine Perspektive vom Individuum zum voyeuristischen Beobachter gesellschaftlichen Lebens, zum Spion der Werte, zum Schnüffler über den Institutionen, zum Kundschafter der Mündigkeit und Messias der Aufklärung if you practice what you preach.

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